Wer krampfhaft versucht, sich immer glücklich zu fühlen und alles positiv zu sehen, unterliegt schnell einem Zwang, auch „toxic positivity“ genannt. Warum negative Gefühle gar nicht nur schlecht sind und wie du sie zu deinem Vorteil nutzen kannst.
Emotionales Dauergrinsen ist der Schlüssel zum Glück. Zumindest dann, wenn man auf Instagram und TikTok sogenannten Mindset-Influencern Glauben schenkt, die behaupten, dass Glücklichsein eine Entscheidung ist und mit dem richtigen Mindset jeder sein Traumleben kreieren kann. Gleichzeitig steigt aber in der analogen Welt die Zahl der psychischen Erkrankungen, besonders der Depression, seit Jahren an. An einer Depression zu erkranken, suchen sich die Betroffenen natürlich nicht aus. Selbstredend helfen eine lebensbejahende Grundhaltung und positive Gedanken, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.
In dieser Geschichte soll es aber um jene Menschen gehen, die negative Gefühle wegschieben und sich zwanghaft gute Laune verordnen. Das macht sie nicht zu Optimisten – sie hat vielmehr die „toxic positivity“ erwischt. Und diese beginnt da, wo man alles ablehnt und wegschiebt, was negative Gefühle auslöst. Wenn sich jemand so gar nicht mit seinen Ängsten, Sorgen, Aggressionen oder Schamgefühlen beschäftigen möchte und verbissen versucht, immer alles „wegzulächeln“ und positiv zu sehen, kann das auch krank machen. Denn unbeachtete (negative) Emotionen werden davon nur größer und melden sich in immer kürzeren Abständen.
Wenn aus Dauergrinsen Stress wird
Für ein erfülltes Leben ist es nicht nötig, nur positive Gefühle zu empfinden. Negatives zu vermeiden ist so, als würde man versuchen, ständig einen Ball unter Wasser zu drücken, was enorm Kraft kostet und sobald man ihn loslässt, schießt er nach oben. Das kennt man von Menschen, die immer lieb sind, nie „Nein“ sagen und dann in einem unpassenden Moment förmlich explodieren. Das Unterdrücken von Gefühlen sorgt im Körper für Stress und macht auf lange Sicht krank. Wer gegen seine Emotionen ankämpft, setzt sich einer permanenten Cortisolausschüttung aus, dem Stresshormon, das auf Dauer Entzündungen fördert, das Immunsystem schwächt und den Stoffwechsel beeinträchtigt.
Erst wenn wir verstehen, dass negative Gefühle da sein dürfen und zum Leben dazugehören, können sie auch wieder gehen. Hinter jedem Gefühl verbirgt sich eine wichtige Information für uns, die wir für ein glückliches, erfülltes Leben nutzen können. Negative Emotionen sind wie Warnleuchten unseres Körpers, die aufleuchten, wenn etwas in Schieflage gerät oder nicht stimmt. Sie wollen uns auf Probleme und Herausforderungen hinweisen und uns auffordern, Maßnahmen zu ergreifen, etwa, wenn wir unsere Bedürfnisse nicht erkennen oder diese zu lange vernachlässigen.
Eine sehr kraftvolle Methode, um negative Gefühle im positiven Sinn in sein Leben und im besten Fall auch wieder gehen zu lassen, ist, sie bewusst wahrzunehmen, sie zu benennen und ihre Botschaft zu verstehen. Oft braucht es gar nicht mehr als dieses Erkennen, um sie auch wieder ziehen lassen zu können. Du fragst dich jetzt, was scheinbar fiese Gefühle wie Neid oder Schuld dir Positives sagen wollen? Im Folgenden ein kleiner Leitfaden für dich:
Wut und Aggression
Wären Wut und Ärger deine Freunde, würden sie dir wohl sagen wollen: „Pass auf! Jemand trampelt über deine persönlichen Grenzen und respektiert sie nicht. Du fühlst dich in deiner Freiheit eingeschränkt oder du empfindest eine Situation gerade als sehr unfair und ungerecht.“
Dazu möchten sie dich auffordern: Wehre dich! Sag freundlich, aber bestimmt, was in dir vorgeht. Zum Beispiel: „Das möchte ich nicht.“, „Das empfinde ich als ungerecht.“, „Nein, das passt mir gerade nicht. Ich brauche noch Zeit zum Nachdenken und gebe Bescheid.“
Neid
Wäre Neid dein wohlgesonnener Berater, würde er dir seine Anwesenheit womöglich so erklären: „Möglicherweise spürst du Bewunderung für etwas, das ein anderer Mensch hat, und du bist unzufrieden mit deiner eigenen Situation. Ein anderer bekommt mehr Anerkennung, und du hättest gerne, was er oder sie hat. Du empfindest das als ungerecht, dass andere mehr bekommen als du. Dein Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist verletzt.“
Wozu dich Neid motivieren möchte: Konzentriere dich auf deine unerfüllten Bedürfnisse. Hast du genug Ansporn, um deine Ziele zu erreichen und persönlich zu wachsen? Oder sind deine Werte oder Prioritäten im Leben vielleicht gar nicht mehr stimmig? Ist dir das große Auto tatsächlich noch wichtig? Je besser es dir gelingt, dein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen zu leben (und nicht entsprechend der Erwartungen von anderen) und du dich auf deine wahren Ziele und Werte konzentrierst, desto weniger neidisch wirst du auf andere sein, dafür aber erfüllt und zufrieden leben.
Schuld
Wenn Schuld bei dir anklopft, dann höchstwahrscheinlich, weil sie dir folgendes mitteilen möchte: „Es gibt hier einen Konflikt zwischen deinem Handeln und deinen moralischen Überzeugungen. Deine Integrität ist verletzt. Möglicherweise hast du auch einen Fehler gemacht, Regeln gebrochen, gegen Prinzipien verstoßen, jemanden angelogen oder viel zu viele Süßigkeiten auf der Couch verputzt.“
Was Schuld dir empfiehlt: Sie kann ein Anstoß dafür sein, verletzte Beziehungen zu reparieren und dich motivieren, dich bei jemandem zu entschuldigen und Verantwortung für dein Handeln zu übernehmen. Wenn es dir gelingt, aufgrund von Schuldgefühlen dein Verhalten zu reflektieren, ist es möglich, deine Verhaltensweisen bewusst zu verändern. Sie kann dich dabei unterstützen, der Mensch zu werden, der du gerne sein möchtest.
Angst
Auch die Angst meint es in erster Linie gut mit dir und ist eine enge Verbündete mit folgender Botschaft: „Pass auf! Deine körperliche oder emotionale Sicherheit ist in Gefahr. Du verlässt gerade deine Komfortzone! Achtung, das ist neu – gleichzeitig wartet hier eine Wachstumschance auf dich.“
Wozu dich Angst anleiten möchte: Als große Beschützerin unterstützt sie dich dabei, kluge Entscheidungen zu treffen. Sie sorgt dafür, dass du Schritte unternimmst, die dich sicherer und besser vorbereitet fühlen lassen, etwa dass du ausreichend lernst oder Vorsichtsmaßnahmen triffst.




