Impfen bei immunsupprimierten Patientinnen und Patienten ist kein Spezialthema mehr, sondern Teil der Routineversorgung. Neue Therapien verändern jedoch Risiko, Timing und Wirksamkeit von Impfungen grundlegend. Ein aktuelles Update zeigt, worauf es in der Praxis ankommt – und warum der richtige Zeitpunkt oft entscheidender ist als die Impfung selbst.
Impfen unter Immunsuppression gehört längst zum Versorgungsalltag – und bleibt dennoch ein Bereich mit erheblichem Optimierungs- wie Aufklärungsbedarf. In Apotheken wird dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl auf absehbare Zeit kein Thema sein. In der Beratungspraxis jedoch spielt auch dieses wichtige Thema eine große Rolle in Apotheken, die auch eine gewisse Lotsenfunktion besitzen.
Wissensupdate von Univ.-Prof. Dr. Wiedermann-Schmidt
Im Rahmen des APOkongresses 2026 in Schladming zeigte Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Fachärztin für Immunologie, spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene, klar auf, dass die Awareness unter Patientinnen und Patienten, aber auch im medizinischen Umfeld, nach wie vor begrenzt sei. Der Impfstatus vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie sei häufig unklar. Auch erfolge oft eine strukturierte Impfplanung nicht konsequent genug.

Die Frage ist nicht, ob man unter Immunsuppression impfen soll – sondern wann und wie.
Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt
Fachärztin für Immunologie, spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene
Dabei ist der Bedarf unbestritten: Immunsupprimierte Patienten weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Infektionen auf – entweder durch die Grunderkrankung selbst oder durch die Therapie. Besonders ausgeprägt ist dies etwa bei hämato-onkologischen Erkrankungen, wo invasive bakterielle Infektionen, Herpes zoster oder schwere virale Verläufe wesentlich häufiger auftreten können. Gleichzeitig zeigt sich, dass bestehende Immunität nicht verlässlich erhalten bleibt: Antikörperspiegel können reduziert sein oder im Krankheits- und Therapieverlauf verloren gehen.
Differenzierung statt Pauschalbewertung
Ein zentrales Element des Vortrags war die differenzierte Betrachtung der Immunsuppression. Nicht jede Erkrankung und nicht jede Therapie sind gleich zu bewerten. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Grunderkrankung, eingesetzter Substanzklasse, Dosierung, Therapiedauer sowie individuellen Faktoren wie Alter und Komorbiditäten.
Während niedrig dosierte konventionelle Therapien oft nur eine geringe Einschränkung darstellen, führen andere Ansätze – etwa B-Zell-depletierende Therapien, JAK-Inhibitoren oder Komplementinhibitoren – zu klar definierten infektiologischen Risiken. Diese Unterschiede bestimmen nicht nur das Infektionsrisiko, sondern auch, wie gut eine Impfung überhaupt wirken kann.
Timing als entscheidender Faktor
Die wichtigste praktische Konsequenz ist eindeutig: Impfungen sollten, wenn dies zeitlich möglich ist, vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie abgeschlossen werden.
Inaktivierte Impfstoffe sollen bis zwei Wochen vor Therapiebeginn verabreicht werden, um eine ausreichende Wirksamkeit zu erreichen, während Lebendimpfungen bis vier Wochen vor Therapie gegeben werden müssen. Entscheidend ist bei inaktivierten Impfstoffen weniger die Verträglichkeit als die Wirksamkeit: Unter Therapie ist das Impfansprechen oft deutlich reduziert.
Diese Beobachtung zieht sich durch verschiedene Therapieformen. Impfungen vor Therapiebeginn führen in der Regel zu einer deutlich besseren Immunantwort als solche, die erst unter laufender Behandlung erfolgen.
Impfen unter laufender Therapie
In der Praxis stellt sich die Situation jedoch oft anders dar: Patienten kommen oftmals erst zum Impfarzt, wenn die Therapie schon begonnen wurde. In diesen Fällen sind inaktivierte Impfstoffe häufig weiterhin möglich, wenn auch mit eingeschränkter Immunantwort.

Wenn ich die Wahl habe, ist es immer vorzuziehen, jemanden zu impfen, bevor er therapiert wird.
Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt
Fachärztin für Immunologie, spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene
Lebendimpfstoffe sind unter relevanter Immunsuppression in der Regel ausgeschlossen. In bestimmten Konstellationen können sie nach Therapiepausen oder bei nachgewiesener Immunrekonstitution wieder in Betracht gezogen werden. Die erforderlichen Intervalle unterscheiden sich jedoch erheblich, je nach Wirkmechanismus der eingesetzten Substanzen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In Phasen ausgeprägter Immunsuppression – etwa bei stark reduzierten B- und T-Zell-Populationen – ist eine Impfung mit einem inaktivierten Impfstoff zwar formal möglich, immunologisch aber kaum sinnvoll. Die Frage ist daher nicht nur, ob geimpft werden darf, sondern auch, ob eine Impfung zu diesem Zeitpunkt überhaupt einen relevanten Schutz erzeugen kann.
Serologie und Immunstatus im Fokus
Unter Immunsuppression gewinnen serologische Kontrollen deutlich an Bedeutung. Während sie bei gesunden Personen nur eingeschränkt sinnvoll sind, können sie hier entscheidende Informationen liefern.
Besonders wichtig ist die Überprüfung des Schutzes gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen. Fehlt hier die Immunität, kann dies später problematisch werden, da entsprechende Impfungen unter Therapie oft nicht mehr möglich sind. Auch bei klassischen Impfungen wie Diphtherie, Tetanus oder Hepatitis B können Titerbestimmungen helfen, den Schutzstatus und das Impfansprechen besser einzuordnen.
Ergänzend kann ein Immunprofiling sinnvoll sein, insbesondere bei schwerer oder prolongierter Immunsuppression. Die Bestimmung von Lymphozytensubpopulationen und Immunglobulinen erlaubt eine bessere Einschätzung, ob bereits eine Immunrekonstitution eingesetzt hat.
Therapiespezifische Risiken mitdenken
Moderne Therapien greifen gezielt in unterschiedliche Bereiche des Immunsystems ein – mit entsprechend spezifischen Risiken. JAK-Inhibitoren sind etwa mit einem erhöhten Risiko für Herpes-zoster-Reaktivierungen verbunden, Komplementinhibitoren erhöhen die Anfälligkeit für Infektionen mit bekapselten Bakterien, und B-Zell-depletierende Therapien beeinträchtigen die Antikörperbildung.
Diese Unterschiede machen deutlich, dass Impfstrategien zunehmend therapiespezifisch gedacht werden müssen. Eine rein schematische Anwendung allgemeiner Impfempfehlungen wird der klinischen Realität nicht mehr gerecht.
Neustart nach intensiven Therapien
Nach einer Stammzelltransplantation oder einer CAR-T-Zell-Therapie stellt sich die Situation grundlegend anders dar. In diesen Fällen kann eine bestehende Immunität weitgehend verloren gehen, sodass Impfungen neu aufgebaut werden müssen.
Der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg richtet sich nicht allein nach dem Zeitintervall seit der Therapie, sondern vor allem nach der tatsächlichen Immunrekonstitution. Parameter wie T-Zell-, B-Zell- und Immunglobulinwerte dienen hier als Orientierung für den Beginn der Impfung.
Strukturierte Impfstrategie
Zur praktischen Orientierung wurde im Vortrag ein vierteiliges Schema vorgestellt: Routineimpfungen laut österreichischem Impfplan, saisonale Impfungen wie Influenza, COVID-19 und RSV, zusätzliche Indikationsimpfungen – etwa gegen Pneumokokken und Herpes zoster – sowie spezifische Impfungen bei erhöhtem Risiko für Infektionen mit bekapselten Bakterien.
Dieser Zugang erlaubt es, sowohl von der Erkrankung als auch von der jeweiligen Therapie ausgehend eine strukturierte Impfstrategie zu entwickeln.
Reisemedizin als zusätzlicher Faktor
Auch die Reisemedizin spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Viele Patienten möchten nach der Stabilisierung ihrer Erkrankung wieder reisen, teils auch in Regionen mit erhöhtem Infektionsrisiko.
Hier sind individuelle Entscheidungen erforderlich, insbesondere bei Lebendimpfstoffen. Aber auch inaktivierte Reiseimpfstoffe können unter Immunsuppression eine reduzierte Wirksamkeit aufweisen, was zusätzliche Planung notwendig macht. Entsprechend sollte das Thema Reisen frühzeitig angesprochen werden, idealerweise mit ausreichendem zeitlichem Vorlauf.
Rolle der Apotheke
Für Apothekerinnen und Apotheker ergibt sich daraus eine wichtige Lotsenfunktion. Sie können Impflücken erkennen, auf das kritische Zeitfenster vor Therapiebeginn hinweisen und Patienten bei Bedarf gezielt zur weiteren Abklärung verweisen. Vor allem ist es wichtig, dass in der Apotheke aufmerksam gemacht wird, dass die Patienten spezialistierte Impfstellen für Patienten mit komplexen Grunderkrankungen so bald wie möglich aufsuchen sollen.
Gerade in der Offizin zeigt sich häufig, dass das Problem nicht das Fehlen von Impfstoffen ist, sondern die fehlende Planung.
Die zentrale Botschaft des Vortrags bleibt damit klar: Unter Immunsuppression ist Impfen nicht weniger wichtig, sondern oft entscheidend – vorausgesetzt, Zeitpunkt, Therapie und Immunstatus werden konsequent mitgedacht.




