Neue Studien zeigen, dass ein Teil der Komapatienten mehr wahrnehmen könnte als bisher angenommen. Moderne Bildgebung macht verborgene Hirnaktivität sichtbar und stellt ethische Fragen zur Behandlung neu.
Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Teil der Komapatienten nicht vollständig bewusstlos ist. Beim Fachkongress ANIM 2026 der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin in Dortmund diskutierten internationale Experten das Phänomen der sogenannten „cognitive-motor-dissociation“ (CMD).
Dabei handelt es sich um Patienten, die äußerlich nicht auf Reize reagieren, deren Gehirn jedoch Aktivität zeigt, die auf ein vorhandenes Bewusstsein hinweist. Dieses Phänomen wird erst seit kurzer Zeit systematisch beschrieben und untersucht.
Studie zeigt messbare Reaktionen
Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine im Jahr 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie. In dieser Untersuchung zeigten 60 von 241 Komapatienten messbare Hirnaktivität, wenn sie angewiesen wurden, sich bestimmte Bewegungen vorzustellen, etwa das Öffnen und Schließen der Hand oder sportliche Aktivitäten. Das entspricht rund 25 Prozent der untersuchten Personen. Die Reaktionen wurden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) und Elektroenzephalografie (EEG) nachgewiesen.
Neue Perspektive auf das Koma
Traditionell wird das Koma als Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit definiert. Aktuelle Daten stellen diese Annahme jedoch infrage. Einige Patienten scheinen verbale Anweisungen zu hören und zu verstehen, können jedoch keine motorische Antwort geben. Schätzungen zufolge könnten etwa 15 Prozent der Komapatienten bei Bewusstsein sein, ohne dies nach außen mitteilen zu können. Forschende wie Dr. Jan Claassen von der Colombia University in New York nutzen EEG und computergestützte Verfahren, um solche Fälle zu identifizieren.
Ziel ist es, jene Patienten zu erkennen, die eine Chance haben, ihr Bewusstsein wiederzuerlangen.
Offene Fragen und ethische Dimension
Trotz der Fortschritte bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Unklar ist etwa, ob Patienten mit nachweisbarer Hirnaktivität bessere Chancen haben, aus dem Koma zu erwachen. Ebenso wird diskutiert, wie ausgeprägt dieses mögliche Bewusstsein tatsächlich ist.
Die Erkenntnisse haben weitreichende ethische Konsequenzen. Wenn Patienten mehr wahrnehmen als bislang angenommen, stellt sich die Frage nach der Dauer und Intensität lebensverlängernder Maßnahmen neu. Ein Therapieabbruch, wie etwa das Abschalten von Beatmungsgeräten, führt zum Tod des Patienten oder der Patientin. Die Bewertung solcher Entscheidungen könnte sich durch die neuen Daten grundlegend verändern. Weitere Forschungen werden angestrebt.




