Verschiedene Berufsgruppen fordern strengere Regelungen. Die Regierung kündigt ein Gesetz für ein Social Media-Verbot für Jugendliche bis zum Sommer an.
In Österreich wird die Diskussion über ein mögliches Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche intensiver. Neben politischen Debatten melden sich zunehmend auch Fachverbände wie aus Psychologie und Logopädie zu Wort. Sie sehen in einem Verbot zwar einen sinnvollen, aber unzureichenden ersten Schritt. Gleichzeitig warnen sie vor den gesundheitlichen, sozialen und psychischen Risiken, die ein unregulierter Umgang mit sozialen Medien mit sich bringen kann.
Logopädie: Digitale Medien gefährden frühkindliche Entwicklung
Der Berufsverband der Logopädinnen und Logopäden – logopädieaustria, betont in einem offenen Brief an die Politik, dass ein Verbot nur ein Teil der Lösung sei. In ihrer täglichen Praxis beobachten die Fachkräfte eine Zunahme von Entwicklungsstörungen bei Kindern, insbesondere im Bereich der Sprache, der Aufmerksamkeit und der sozialen Interaktion.
„In unserer täglichen Arbeit erleben wir die langfristigen Folgen eines problematischen Medienkonsums und versuchen mit hohem fachlichem und finanziellem Aufwand, diese abzumildern“, so der Verband.
Die Expertinnen und Experten fordern nicht nur gesetzliche Regelungen, sondern auch niederschwellige Informationsangebote, frühzeitige elterliche Beratung und eine stärkere Rolle der Logopädie im Rahmen des Eltern-Kind-Passes.
Psychologie: Social Media kann psychisch belasten
Auch der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) spricht sich für ein Social-Media-Verbot unter 14 Jahren aus – vorausgesetzt, es ist praxistauglich und altersgerecht.
„Kinder und Jugendliche befinden sich mitten in der Entwicklung von Selbstwert, Identität und sozialen Kompetenzen. Social Media verstärkt Vergleichsdruck, birgt Suchtpotenzial und konfrontiert mit problematischen Inhalten“, warnt BÖP-Präsidentin Dr. Beate Wimmer-Puchinger.
Aktuelle Daten belegen, dass ein Viertel der Jugendlichen Anzeichen einer Social Media-Sucht zeigt. Besonders betroffen sind Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, für die soziale Medien zunehmend zu einem Dauerbegleiter werden – mit Folgen für Schlaf, Konzentration und emotionale Stabilität.
Dopamin-Kicks durch Likes und permanente Reize
Die Mechanismen sozialer Netzwerke basieren auf kurzfristiger Belohnung, etwa durch Likes, Follower-Zuwächse oder Push-Benachrichtigungen. Diese sogenannten Dopamin-Kicks beeinflussen das Belohnungssystem im Gehirn, was bei Heranwachsenden die Entwicklung einer digitalen Abhängigkeit begünstigen kann.
Jugendliche befinden sich in einer Phase, in der sie besonders empfänglich für Reize von außen sind. Die Algorithmen sozialer Netzwerke verstärken diesen Effekt durch kontinuierliches Ausspielen neuer Inhalte.
Mobbing, Körperideale, Selbstverletzung
Die Risiken gehen über reine Bildschirmzeit hinaus. Cybermobbing, der Vergleich mit idealisierten Körperbildern und die Möglichkeit, ungefiltert persönliche Inhalte zu teilen, verstärken die psychische Belastung zusätzlich. Auch die Verbreitung von Bildern und Videos von Kindern birgt erhebliche Datenschutz- und Missbrauchsrisiken.
Gesetz bis Sommer angekündigt
Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hat angekündigt, bis Sommer einen Gesetzesentwurf zum Schutz Minderjähriger auf Social Media vorzulegen. Der Koalitionspartner NEOS fordert stattdessen eine europaweite Lösung.
Mehr als ein Verbot notwendig
Sowohl die psychologischen als auch die logopädischen Fachverbände fordern neben einem Verbot umfassende Präventions- und Begleitmaßnahmen. Dazu zählen Aufklärung, handyfreie Räume, elterliche Vorbildwirkung, psychosoziale Unterstützung sowie altersgerechte Schutzsysteme über das 14. Lebensjahr hinaus.
Ein effektiver Jugendschutz müsse sich an den Lebensrealitäten junger Menschen orientieren und dürfe nicht bei einer Altersgrenze stehen bleiben.
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