dm Österreich plant den Einstieg in den österreichischen OTC-Onlinehandel. Dabei zielt der Konzern langfristig auf den heimischen Apothekenmarkt. Die pharmazeutischen Standesvertretungen warnen: die Patientensicherheit steht auf dem Spiel.
Der deutsche Drogeriekonzern dm hat erneut angekündigt, rezeptfreie Arzneimittel künftig auch in Österreich vertreiben zu wollen – zunächst über eine Online-Apotheke. Das Modell wird derzeit in Deutschland vorbereitet. Es soll aber laut dm-Geschäftsführer Harald Bauer so gestaltet sein, dass eine Ausrollung auf Österreich möglich ist. Ziel ist es, trotz des bestehenden Apothekenvorbehalts, OTC-Arzneimittel in den Markt zu bringen – mit angekündigten (Online-)Preisvorteilen von bis zu 30 Prozent.
Während dm den Zugang zu Medikamenten als Kostenfrage darstellt, sehen die Österreichische Apothekerkammer und der Österreichische Apothekerverband darin eine bedrohliche Kommerzialisierung eines hochsensiblen Bereichs der Gesundheitsversorgung.
Apothekenvorbehalt als Schutzmechanismus
Der Apothekenvorbehalt in Österreich regelt, dass sämtliche Arzneimittel – auch rezeptfreie – ausschließlich in Apotheken abgegeben werden dürfen. Dieses Prinzip wurde zuletzt 2021 vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) bestätigt. Die Begründung: Die Arzneimittelversorgung erfordert qualifizierte Beratung und Kontrolle.

Schon 2021 hat der österreichische Verfassungsgerichtshof den Apothekenvorbehalt bestätigt. Aus guten Gründen, an denen sich nichts geändert hat. Der Apothekenvorbehalt dient dem Gesundheits- und Konsumentenschutz.
Mag.pharm. Dr.med. Alexander Hartl
2. Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbands
Die Österreichische Apothekerkammer warnt daher auch jetzt: Arzneimittel gehören nicht zwischen Waschmittel und Duschgel, sondern in die Hände ausgebildeter Fachkräfte. Drogerien seien auf Umsatz ausgerichtet, nicht auf Gesundheit. Der Apothekenvorbehalt sei eine Schutzmaßnahme gegen falsche Selbstdiagnosen, Wechselwirkungen und gefährliche Anwendungen ohne fachliche Begleitung.
Kritik des Apothekerverbands: „Gesundheit ist keine Arena“
Auch der Österreichische Apothekerverband übt scharfe Kritik an den Plänen von dm. Die Ankündigung im Rahmen einer Bilanzpressekonferenz zeige, dass es primär um die Erschließung eines neuen Absatzmarkts gehe – nicht um die Verbesserung der Versorgung.

Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sollte aber nicht als Arena missverstanden werden, in der es einzig darum geht, gewinnorientierte Interessen durchzuboxen.
Mag.pharm. Andreas Hoyer
1. Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbands
„Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sollte aber nicht als Arena missverstanden werden, in der es einzig darum geht, gewinnorientierte Interessen durchzuboxen“, erklärt Andreas Hoyer, 1. Vizepräsident des Apothekerverbands.
Der Verband verweist auf das öffentliche Interesse hinter dem Apothekenvorbehalt – insbesondere den Schutz von Kindern, Jugendlichen und Risikogruppen sowie die Vermeidung missbräuchlicher Verwendung.
Kein Kommentar von der OTC-Industrie
PharmaNow.at fragte auch bei der IGEPHA, der Interessensvertretung der österreichischen Selbstmedikationsindustrie, zu deren Bewertung dieser Marktentwicklung nach. Denn die OTC-Industrie kann mitunter bei solchen Marktentwicklungen eine zentrale Rolle spielen. Immerhin müssten solche Online-Apotheken ein Warenlager aufbauen und dafür beliefert werden. Andererseits wären auch entsprechende Konditionen notwendig, um die angekündigte aggressive Preispolitik zu ermöglichen. Angefragt war ebenfalls die Wahrnehmung der Rolle öffentlicher österreichischen Apotheken im OTC-Arzneimittelvertrieb. Ein Statement blieb aus.
Patientensicherheit braucht pharmazeutische Kompetenz
Der Großteil aller OTC-Produkte in Österreich wird über Apotheken vertrieben. Diese sichern nicht nur den Zugang zu Arzneimitteln, sondern gewährleisten auch Beratung, Notdienste, magistrale Herstellung und weitere gemeinwohlorientierte Leistungen – teils unter wirtschaftlichem Druck. Damit haben Apotheken eine Gatekeeper-Funktion inne.
Studien aus liberalisierten OTC-Märkten zeigen: Eine zu weit gefasste Freigabe führt oft zu mehr unerwünschten Zwischenfällen. In Schweden etwa verdoppelten sich laut Aussendung der Apothekerkammer nach der Freigabe von Paracetamol die Vergiftungsfälle – woraufhin der Wirkstoff wieder apothekenpflichtig wurde.
Arzneimittelabgabe ist kein Einzelhandelsthema
Zusammengefasst: dm verfolgt seit Jahren das Ziel, in den österreichischen OTC-Markt einzusteigen – trotz mehrfacher Rückschläge vor dem Verfassungsgericht. Nun wird der Weg über den Onlinehandel versucht. Doch Experten warnen: Das Risiko für Patientinnen und Patienten sei zu hoch. Medikamente sind keine Konsumgüter, und ihre Abgabe gehört weiterhin in fachkundige Hände.




