Start Wissenschaft Östrogen macht Darm empfindlicher: Reizdarm bei Frauen

Östrogen macht Darm empfindlicher: Reizdarm bei Frauen

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Eine neue Studie eines US-Nobelpreisträgers zeigt: Das weibliche Geschlechtshormon verstärkt Darmempfindlichkeit. Das bietet mögliche Ansätze für neue Therapien beim Reizdarmsyndrom.

Frauen leiden wesentlich häufiger als Männer unter einem Reizdarmsyndrom (RDS). RDS ist eine funktionelle Darmstörung, die mit Symptomen wie Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung und Unwohlsein einhergeht. Eine neue Studie des US-Schmerzforschers und Nobelpreisträgers David Julius und seines Teams bringt nun eine mögliche Erklärung: Östrogen senkt offenbar die Schmerzschwelle im Darm und macht so den weiblichen Körper anfälliger für die Beschwerden.

Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal „Science“ veröffentlicht und geben neue Einblicke in die geschlechtsspezifischen Mechanismen des Reizdarmsyndroms. Laut dem Deutschen Ärzteblatt leiden Frauen dreimal häufiger als Männer an RDS und besonders häufig treten die Beschwerden in der prämenstruellen Phase auf, wenn der Östrogenspiegel ansteigt.

Versuch mit Mäusen

Das Team um Holly Ingraham und David Julius konnte in Tierversuchen mit Mäusen zeigen, dass weibliche Tiere empfindlicher auf Darmreize reagierten als männliche. Nach Entfernung der Eierstöcke verschwanden die Symptome, während eine Östrogen-Zufuhr bei männlichen Mäusen die Schmerzempfindlichkeit erhöhte.

Beschwerden ohne Befund

Das Reizdarmsyndrom gilt als funktionelle Störung. Die Beschwerden betreffen vor allem den Dickdarm, jedoch lassen sich keine strukturellen oder biochemischen Veränderungen im Gewebe nachweisen. Bereits in früheren Arbeiten hatte das Forschungsteam gezeigt, dass enterochromaffine Zellen (EC-Zellen) im Dickdarm über den Neurotransmitter Serotonin Schmerzsignale an sensorische Nerven weiterleiten. Ausgelöst wird die Reaktion unter anderem durch Isovalerat, eine von Darmbakterien gebildete kurzkettige Fettsäure.

Neue Zielzellen im Fokus

In der aktuellen Studie wurden Östrogenrezeptoren nicht auf den EC-Zellen selbst, sondern auf benachbarten L-Zellen in der Darmschleimhaut gefunden. Diese produzieren nicht Serotonin, sondern unter anderem das Neuropeptid YY (PYY), das bei der Appetitregulation eine Rolle spielt. Nach Östrogen-Injektionen stieg bei den Mäusen die PYY-Konzentration im Blut signifikant an.

Evolutionärer Schutzmechanismus?

Auch Organoid-Modelle im Labor zeigten, dass L-Zellen und EC-Zellen funktionell zusammenarbeiten. Organoide sind im Labor gezüchtete, dreidimensionale Zellstrukturen, die den Aufbau und die Funktion menschlicher Organe nachbilden.  Die in der Schwangerschaft vermehrt gebildeten Östrogene könnten verhindern, dass die Frauen durch verdorbene Nahrung die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes gefährden.

Neue Therapien denkbar

Die Erkenntnisse eröffnen auch neue Perspektiven für die Behandlung des Reizdarmsyndroms. Neben Diäten, die auf fermentierbare Nahrungsmittel wie Zwiebeln, Knoblauch, Honig, Weizen oder Bohnen verzichten, könnten auch gezielte medikamentöse Therapien infrage kommen. Medikamente mit Wirkstoffen, die auf die Serotonin-Rezeptoren oder PYY-Rezeptoren im Darm wirken, wären denkbar.

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