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Haaranalyse zeigt innere Uhr

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Ein Forschungsteam der Charité Berlin hat einen neuen Test entwickelt, der den Chronotyp anhand von Haarwurzeln bestimmt. Die Methode könnte den Weg für eine individuellere Therapie ebnen, auch mit Blick auf Arzneimittelwirkung und Nebenwirkungen. Für die Praxis ergeben sich erste konkrete Ansatzpunkte.

Die innere Uhr beeinflusst weit mehr als den Schlaf. Sie steuert zentrale Prozesse wie Stoffwechsel, Hormonhaushalt sowie Immunreaktionen und damit auch die Wirkung von Arzneimitteln. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat nun ein Verfahren entwickelt, das den individuellen Biorhythmus einfach bestimmen soll: anhand von Haarwurzeln.

Die Ergebnisse wurden im Fachjournal PNAS veröffentlicht und könnten zudem eine Grundlage für die sogenannte zirkadiane Medizin schaffen. Das ist jene Medizin, die sich an die innere Uhr des Menschen anpasst. Ziel ist es, Diagnostik und Therapie stärker am biologischen Rhythmus des Menschen auszurichten.

Einfache Probe statt aufwendiger Labortests

Bisher war die Bestimmung des Chronotyps kompliziert. Standard ist die Messung des Hormons Melatonin im Speichel – unter kontrollierten Lichtbedingungen über mehrere Stunden. Dieses Verfahren ist für den Alltag kaum praktikabel. Der neue Ansatz nutzt hingegen wenige Haarwurzeln. In deren Zellen analysieren die Forschenden die Aktivität von 17 Genen, die mit der inneren Uhr verknüpft sind. Auf dieser Grundlage und mit Hilfe von maschinellem Lernen lässt sich anschließend ableiten, in welcher Phase des Tagesrhythmus sich eine Person befindet. Da bereits eine einzige Probe ausreicht, ist diese Methode insgesamt deutlich alltagstauglicher. 

Studie mit rund 4.000 Personen

Die Methode wurde bereits in größerem Maßstab getestet. Dabei schickten mehr als 4.000 Personen Haarproben ein. Die Analyse bestätigte erstmals auf Basis biologischer Messdaten bekannte Zusammenhänge.

So zeigt sich:

  • Der Chronotyp verändert sich mit dem Alter.
  • Jüngere Menschen sind im Schnitt später aktiv.
  • Frauen haben eine minimal frühere innere Uhr als Männer.
  • Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist geringer als bisher angenommen.

Besonders deutlich wurde der Einfluss des Lebensstils. Erwerbstätige Personen zeigten einen früheren Biorhythmus als Nicht-Erwerbstätige.

Bedeutung für Therapie und Arzneimittelwirkung

Für die Medizin sind diese Erkenntnisse relevant. Viele Körperfunktionen folgen einem 24-Stunden-Rhythmus – auch das Immunsystem. Dadurch kann die Tageszeit beeinflussen, wie gut Therapien wirken. Studien deuten etwa darauf hin, dass der Zeitpunkt bestimmter Krebstherapien entscheidend sein kann. Eine präzisere Bestimmung der inneren Uhr könnte daher helfen, Behandlungen besser zu timen.

Die Haaranalyse könnte künftig als Basis dienen für:

  • individuell abgestimmte Therapiezeitpunkte
  • bessere Wirksamkeit von Arzneimitteln
  • geringere Nebenwirkungen
  • gezielte Diagnostik bei Schlafstörungen

Schritt in Richtung zirkadiane Medizin

Der Test soll nun für den Einsatz in Routinelabors weiterentwickelt werden. Perspektivisch könnte er in verschiedenen Bereichen Anwendung finden, von der Schlafmedizin bis zur personalisierten Therapieplanung.

Auch wenn der Test derzeit noch nicht im Versorgungsalltag angekommen ist, lassen sich aus den Erkenntnissen der Studie bereits Ansatzpunkte für die pharmazeutische Beratung ableiten.

  1. Einnahmezeitpunkte aktiv ansprechen
  2. Schlafrhythmus berücksichtigen
  3. Chronotherapie im Blick behalten
  4. Sensibilisierung der Patientinnen und Patienten

Ein Bewusstsein für die innere Uhr kann dazu beitragen, Therapien gezielter zu unterstützen. 

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