Neue Forschung zeigt: Placebo-Schmerzlinderung entsteht nicht über einen einzigen Mechanismus im Gehirn. Je nachdem, ob positive Erwartungen nur durch Worte oder zusätzlich durch eine Lernerfahrung aufgebaut werden, werden unterschiedliche neuronale Netzwerke aktiviert. Die Ergebnisse einer internationalen Metaanalyse tragen dazu bei, die biologischen Grundlagen des Placeboeffekts besser zu verstehen.
Der Placeboeffekt ist seit Langem bekannt: Allein die Erwartung einer wirksamen Behandlung kann Schmerzen lindern – selbst wenn die verabreichte Therapie keinen pharmakologisch wirksamen Bestandteil enthält. Wie diese Schmerzlinderung im Gehirn entsteht, war jedoch bisher nur teilweise verstanden.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Duisburg-Essen hat nun Daten aus 16 funktionellen Studien mit insgesamt 409 Teilnehmenden ausgewertet. Die Ergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht und zeigen, dass unterschiedliche Formen der Placeboinduktion auf teilweise verschiedenen neuronalen Mechanismen beruhen.
Zwei Wege zum Placeboeffekt
In den untersuchten Studien wurde die Placebo-Schmerzlinderung auf zwei Arten ausgelöst:
- Durch verbale Suggestionen, also die Information, dass eine Behandlung Schmerzen lindern werde.
- Durch eine Kombination aus verbalen Erwartungen und einer Konditionierung. Dabei erleben die Teilnehmenden bereits in einer Lernphase tatsächlich eine verminderte Schmerzintensität und verknüpfen diese Erfahrung mit der vermeintlichen Behandlung.
Die Analyse zeigt, dass beide Formen der Placeboinduktion teilweise dieselben, teilweise aber unterschiedliche neuronale Signalwege nutzen.
Größte Analyse ihrer Art
Für die Untersuchung führte das Forschungsteam individuelle Hirnbildgebungsdaten aus 16 internationalen Studien zusammen. So konnte das Forschungsteam Unterschiede zwischen den einzelnen Experimenten statistisch berücksichtigen und gemeinsame Muster identifizieren.
Prof. Tamas Spisak, Erstautor der Studie von der Universitätsmedizin Essen, erklärt:
„Da sich Placebostudien in ihren experimentellen Einzelheiten stark unterscheiden können, war es bislang schwierig, die ihnen gemeinsamen Hirnprozesse zu identifizieren. Durch die Zusammenführung von Daten einzelner Teilnehmender aus zahlreichen Laboren weltweit konnten wir zeigen, dass ein Teil dieser Heterogenität tatsächlich aufschlussreich ist. Unterschiedliche Methoden zur Erzeugung von Placeboeffekten hinterlassen jeweils charakteristische Spuren im Gehirn. Große kollaborative Datensätze ermöglichen es uns, diese Muster sichtbar zu machen.“
Placeboeffekte sind messbar
Die Forschenden betonen, dass Placeboeffekte nicht lediglich auf einer subjektiven Einschätzung beruhen. Vielmehr gehen sie mit messbaren Veränderungen der Hirnaktivität einher, die beeinflussen, wie Schmerzen verarbeitet und erlebt werden.
Prof. Dr. Ulrike Bingel, Neurologin, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs/Transregio 289 „Treatment Expectation“ und Seniorautorin der Studie, sagt: „Durch die Identifizierung unterschiedlicher neuronaler Signalwege kommen wir dem Verständnis näher, welche Mechanismen in verschiedenen klinischen Situationen aktiviert werden können. Künftig könnte uns dieses Wissen dabei helfen, gezieltere Strategien zu entwickeln, um die körpereigenen schmerzlindernden Systeme zu unterstützen und Behandlungsergebnisse zu verbessern.“
Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, wie der Placeboeffekt im Gehirn entsteht. Nach Ansicht der Forschenden könnten diese Erkenntnisse langfristig dazu beitragen, Erwartungen und Lernerfahrungen in der Schmerztherapie besser zu verstehen. Ob sich daraus konkrete Anwendungen ergeben, müssen weitere Studien zeigen.




