Während der Schwangerschaft sinkt die Schubrate bei Multipler Sklerose deutlich. Ein Forschungsteam der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf entdeckte nun, dass das Gehirn über einen neu identifizierten Signalweg aktiv das Immunsystem steuert. Das eröffnet neue Therapieansätze – auch über die Schwangerschaft hinaus.
Multiple Sklerose: Eine Autoimmunerkrankung mit vielen Gesichtern
Die Multiple Sklerose (MS), auch als Encephalomyelitis disseminata (ED) bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Dabei werden die Schutzhüllen der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark beschädigt. Es entstehen kleine Entzündungsherde, die unterschiedlichste Beschwerden auslösen können – etwa Sehstörungen, Taubheitsgefühle oder Probleme mit der Bewegung.
MS tritt häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf und betrifft in zwei Drittel der Fälle Frauen. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich – von milden Formen bis hin zu schweren Behinderungen. Eine Heilung gibt es derzeit nicht, jedoch lassen sich Krankheitsaktivität und Schubrate durch moderne Therapien deutlich reduzieren.
Neue Studie: Gehirn kontrolliert aktiv das Immunsystem
Ein Forschungsteam der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) unter der Leitung von Manuel Friese, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose, veröffentlichte in Nature Immunology eine bahnbrechende Studie. Die zentrale Erkenntnis: Das Gehirn steuert aktiv das Immunsystem – ein Mechanismus, der besonders in der Schwangerschaft eine Rolle spielt.
„Unser Ziel war es zu verstehen, wie die Schwangerschaft die erhöhte Entzündungsaktivität der MS reguliert. Dabei konnten wir erstmals zeigen, dass das Gehirn den Zustand des Immunsystems aktiv überwacht und regulierend eingreifen kann“, erklärte Friese.
Schutzmechanismus während der Schwangerschaft
Schon länger ist bekannt, dass sich die Schubrate bei schwangeren MS-Patientinnen um bis zu 80 Prozent verringert. Grund ist die Dämpfung des Immunsystems, um das ungeborene Kind zu schützen. Eine Schlüsselrolle spielt der Botenstoff GDF-15 (Growth/Differentiation Factor-15), der vom Fötus freigesetzt wird und entzündungshemmend wirkt.
Die Hamburger Studie zeigt nun, dass der Rezeptor für GDF-15 nicht auf Immunzellen, sondern auf Nervenzellen im Hirnstamm sitzt. Diese speziellen Zellen sind mit dem sympathischen Nervensystem verbunden. Wird der Signalweg aktiviert, setzen Immunorgane wie die Milz Noradrenalin frei. Das hemmt entzündungsfördernde Zellen und verhindert deren Eindringen ins ZNS.
Neues Ziel für MS-Therapien
Bemerkenswert ist, dass eine kleine Gruppe von Nervenzellen eine so starke immunsuppressive Wirkung entfalten kann. „Obwohl diese Nervenzellen nur in geringer Zahl vorhanden sind, können sie die Immunantwort so stark unterdrücken, dass keine Entzündungszellen mehr ins Gehirn und Rückenmark eindringen“, so Jana Sonner, Erstautorin der Studie.
Da sich diese Nervenzellen außerhalb der Blut-Hirn-Schranke befinden, sind sie besonders gut für therapeutische Anwendungen zugänglich. In einem Mausmodell konnte das Forschungsteam den Schutzmechanismus durch Gentherapie oder rekombinantes GDF-15 gezielt verstärken – mit deutlicher Reduktion der Krankheitsaktivität.
MS in Österreich
In Österreich sind rund 13.500 Menschen von MS betroffen. Es ist die häufigste neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen. Besonders bei der schubförmig remittierenden MS wurden in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende therapeutische Fortschritte erzielt.
Die neuen Erkenntnisse aus Hamburg könnten langfristig zu innovativen Therapien führen, die das körpereigene Regulationssystem gezielt nutzen – nicht nur während der Schwangerschaft.




