Start Politik Gesundheitspolitik Wie steht es um die Betreuung von ME/CFS-Patienten in Österreich?

Wie steht es um die Betreuung von ME/CFS-Patienten in Österreich?

Laut Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) sei die Versorgung bei postakuten Infektionssyndromen wie ME/CFS in vielen Bereichen bereits „gut aufgestellt“. Von den Grünen gab es Kritik.

Die Krankheit würde die Betroffenen „wirklich schwer belasten“, sagt Korinna Schumann in einem aktuellen APA-Interview. Man müsse schauen, wie man Lösungen und die beste Behandlungsmöglichkeit findet. „Es geht hier darum, das ernst zu nehmen“, so die Sozialministerin. 

Nationales Referenzzentrum für Postvirale Syndrome

Sie verwies in diesem Zusammenhang auf die Beauftragung der MedUni Wien zur Leitung des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome. Damit habe man „einen wichtigen Schritt gesetzt, um die Versorgung Betroffener in Österreich sicherzustellen. Das Zentrum bündelt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und bietet gezielte Schulungen für medizinisches Fachpersonal an, um Wissen zu diesen komplexen Krankheitsbildern breit zu verankern“.

Angehörige der Gesundheitsberufe finden auf der Website des Referenzzentrums für sie relevante Informationen. Diese sind frei zugänglich und umfassen u.a. eine „Indikations-Medikamentenliste für PAIS und ME/CFS in Österreich“ für off-label Medikamente, die von der ÖGK, BVAEB und SVS übernommen werden. Außerdem gibt es weitere frei verfügbare Online-Fortbildungen und Podcasts sowie aktuelle Leitlinien und einen Praxisleitfaden. 

Schumann: Versorgung gut aufgestellt, Verbesserung möglich

Ein zentrales Ziel sei es, gemeinsam mit allen relevanten Stakeholdern einen einheitlichen Pfad für Patientinnen und Patienten zu entwickeln. „Dabei arbeiten wir auch daran, die Anzahl der Betroffenen besser zu erfassen und die vorhandenen Versorgungsangebote in Österreich systematisch zu erheben.“

Wichtig sei, dass das Bundesministerium den Rahmen für eine bestmögliche Versorgung sicherstellt, „während die Umsetzung in enger Zusammenarbeit durch die Bundesländer und Sozialversicherung erfolgt.“ 

Angesprochen auf eine Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch das Sozialministerium zur Frage der Versorgung der Betroffenen, in dem es laut einem Statement des Dachverbandes der Sozialversicherungen hieß, eine flächendeckende Versorgung für die Betroffenen sei gegeben, relativierte Schumann etwas: „Die Versorgung ist in vielen Bereichen bereits gut aufgestellt, aber es gibt sicherlich noch Verbesserungsmöglichkeiten, um dem tatsächlichen Bedarf umfassend gerecht zu werden.“

Schallmeiner kritisiert Darstellung

Scharfe Kritik kam vom Grünen Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner. In der Beantwortung der genannten (und von ihm verfassten) Anfrage habe die Ministerin nicht beziffern können, wie viele Kassenordinationen in Österreich Patientinnen und Patienten mit postviralen Erkrankungen wie ME/CFS tatsächlich behandeln. Der Dachverband der Sozialversicherung habe aber dennoch behauptet, die Versorgung sei ‚gut‘. Nun übernehme auch die Ministerin „offenkundig dieses Narrativ, während Berichte aus ganz Österreich ein völlig anderes Bild zeigen“.

Ralph Schallmeiner, Gesundheitssprecher der Grünen
© Parlamentsdirektion/Thomas Topf

Die pauschale Behauptung einer ‚flächendeckenden Versorgung‘ ist ohne belastbare Daten unhaltbar.

Ralph Schallmeiner
Gesundheitssprecher der Grünen

Denn Betroffene müssten oft wochen- oder monatelang nach Ärztinnen und Ärzten suchen, „die überhaupt über die Krankheit Bescheid wissen oder sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen wollen“, so Schallmeiner. „Wer das als ‚gut aufgestellt‘ bezeichnet, ignoriert die Lebensrealität von 70.000 bis 80.000 zum Teil schwer kranken Menschen in Österreich“, verwies er auf hochgerechnete Daten der MedUni Wien zu den Betroffenenzahlen. In einer weiteren Anfrage will Schallmeiner daher nun u.a. konkrete Zahlen zu spezialisierten Ärztinnen und Ärzten erfahren. „Die pauschale Behauptung einer ‚flächendeckenden Versorgung‘ ist ohne belastbare Daten unhaltbar.“

Kritik an geplanter Behandlungsstelle in Salzburg

Erst letzte Woche wurde Kritik an der von der Salzburger Landesregierung geplanten Anlaufstelle für ME/CFS-Betroffene laut. Die Salzburger „Plattform für Menschenrechte“ kritisiert etwa, dass in der geplanten Anlaufstelle zwar die Diagnose gestellt werden solle, dann aber zu Haus- und Fachärzten weiterverwiesen werde. „Haken an der Sache“ sei, dass es im ganzen Land Salzburg keine ME/CFS-Spezialistinnen oder -Spezialisten im öffentlichen Bereich gäbe, zu denen man hin überweisen könne. 

Bei Problemen mit sozialer Versorgung „hinschauen“

Im Bereich der sozialen Unterstützung sprach Schumann von „sensiblen Bereichen“. „Es gibt hier bestimmte Herausforderungen, bei denen es wichtig ist, genau hinzuschauen, insbesondere wenn es um die Interpretation der Beschwerden im Kontext psychischer Belastungen geht.“

Im Mai hatte eine gemeinsame Recherche von APA, ORF und der Rechercheplattform Dossier aufgezeigt, dass Erkrankungen von Patienten mit ME/CFS oder Post Covid bei der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) häufig nicht anerkannt wurden. Das führt zu Schwierigkeiten etwa bei der Beantragung von Berufsunfähigkeits- bzw. Invaliditätspension oder (des temporären) Rehagelds, ähnlich verhält es sich beim Pflegegeld.

Private Initiative 

Der Leidensdruck vieler Betroffener ist groß. Im Falle der Familie Ströck (Bäckerei Ströck) hat die persönliche Betroffenheit 2020 zur Gründung einer privaten Initiative geführt. Die WE&ME-Stiftung setzt sich für Anerkennung der Erkrankung, Aufklärung und Forschung rund um ME/CFS ein. Unterstützt wird die Stiftung durch namhafte Persönlichkeiten aus dem medizinischen und wissenschaftlichen Bereich, u.a. Assoz. Prof. PD DDr. Eva Untersmayr-Elsenhuber, die gemeinsam mit Univ.-Prof. PD Dr. Kathryn Hoffman, MPH, die Leitung des oben genannten Referenzzentrums innehat.

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