Eine aktuelle Studie aus der Schweiz zeigt, dass flexible Unterrichtsbeginnzeiten den Schlaf von Jugendlichen deutlich verlängern. Das hat einen positiven Effekt auf Gesundheit und Lernleistung. Die Ergebnisse liefern damit auch einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die psychische Gesundheit bei Jugendlichen.
Jugendliche schlafen gerne länger. Das ist kein Ausdruck von Disziplinlosigkeit, sondern biologisch bedingt. Während der Pubertät verschiebt sich der biologische Schlaf-Wach-Rhythmus nach hinten. Einschlafen fällt abends schwerer und damit auch das frühe Aufstehen. Die Folge: chronischer Schlafmangel an Schultagen.
Eine aktuelle Studie der Universität Zürich und des Universitäts-Kinderspitals Zürich, publiziert im Journal of Adolescent Health, hat nun untersucht, ob flexible Unterrichtsbeginnzeiten hier Abhilfe schaffen können.
Flexibles Modell mit Wahlmöglichkeit
Begleitet wurde ein Schulversuch an der Oberstufe (= in Ö. die Sekundarstufe I) Gossau im Kanton St. Gallen. Seit drei Jahren können Schülerinnen und Schüler ihren Start in den Schultag wählen – freiwillig um 07:30 Uhr oder regulär ab 08:30 Uhr. Zusätzlich wurden flexible Randzeiten vor dem offiziellen Unterricht eingeführt.
Untersucht wurden 754 Rückmeldungen von durchschnittlich 14-Jährigen. Verglichen wurde das frühere Modell mit Schulstart um 07:20 Uhr mit dem neuen System ein Jahr nach Einführung.
45 Minuten mehr Schlaf pro Schultag
95 Prozent der Jugendlichen nutzten die spätere Startoption. Im Schnitt begann der Unterricht 38 Minuten später als zuvor. Die Aufstehzeit verschob sich um 40 Minuten nach hinten. Da die Einschlafzeiten weitgehend gleich blieben, verlängerte sich die Schlafdauer im Durchschnitt um 45 Minuten pro Schultag.
Neben der Schlafdauer verbesserten sich auch subjektive Gesundheitsparameter. Die Jugendlichen berichteten seltener über Einschlafprobleme und wiesen höhere Werte bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität auf. Auch Testergebnisse in Englisch und Mathematik fielen im neuen Modell besser aus.
Relevanz für die Mental-Health-Debatte
Die Ergebnisse bestätigen, was viele Eltern und Lehrkräfte aus dem Alltag kennen: Jugendliche sind abends oft nicht müde, morgens aber kaum leistungsfähig. Flexible Modelle könnten daher nicht nur Schlafmangel reduzieren, sondern auch verhindern, dass Schülerinnen und Schüler aus Überforderung ganz zu Hause bleiben. Wer die Option einer „späteren Stunde“ hat, bleibt eher im System eingebunden.
Laut Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) lag 2022 der Anteil der 11- bis 15-Jährigen mit mehreren regelmäßig auftretenden oder chronischen psychischen Belastungssymptomen bei 47 Prozent. Dazu zählen unter anderem Traurigkeit, Müdigkeit, Ängstlichkeit, Nervosität oder Einschlafprobleme.
Chronischer Schlafmangel gilt als Risikofaktor für psychische Belastungen, verminderte Konzentration und reduzierte Lernfähigkeit. Die Studienautorinnen und -autoren sehen flexible Startzeiten daher als praktikablen Ansatz, um Gesundheit und schulische Leistungen gleichzeitig zu fördern.
Kein Allheilmittel, aber ein struktureller Hebel
Ein früheres Einschlafen lässt sich biologisch nur eingeschränkt erzwingen. Strukturelle Anpassungen des Schulbeginns könnten daher wirksamer sein als Appelle an Schlafhygiene allein.
Für die Diskussion in Österreich stellt sich die Frage, ob flexible Modelle – etwa mit Wahloptionen oder gleitenden Beginnzeiten – auch hier einen Beitrag zur Prävention leisten könnten. Die vorliegenden Daten sprechen dafür, dass bereits moderate Verschiebungen messbare Effekte haben.




