Mehr als die Hälfte aller Todesfälle in Österreich ist auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zurückzuführen. Daran ändert sich seit Jahren nichts, obwohl viele Risikofaktoren individuell beeinflussbar wären. PharmaTime befragt Experten, ob Österreichs Prävention in diesem Bereich gut aufgestellt ist.
Wenn die Statistik Austria alljährlich die Zahlen der Todesursachen in Österreich veröffentlicht, gibt es keinerlei Überraschungen: Auch 2024 waren die meisten der insgesamt 88.486 Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen (34,3%) und Krebs (24,3%) zurückzuführen. Erst mit großem Abstand gefolgt von Krankheiten der Atmungsorgane (6,2%) sowie Verletzungen und Vergiftungen (6,1%). Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen war die Sterblichkeit von Männern 1,4-mal höher als bei Frauen, bei Krebs um 1,5-mal höher.
Auffallend ist, dass die Hauptursachen der beiden Volkskrankheiten allgemein bekannt sind und oft individuell beeinflussbar wären: Rauchen verengt die Blutgefäße und schädigt sie; eine ungesunde Ernährung mit viel Salz, Fett, verarbeiteten Lebensmitteln und rotem Fleisch ist ein Risikofaktor; Übergewicht belastet das Herz-Kreislauf-System; Bluthochdruck schädigt auf Dauer die Blutgefäße; hohe Cholesterinwerte, besonders das „schlechte“ LDL-Cholesterin, verengen die Arterien durch Ablagerungen; Bewegungsmangel, Diabetes mellitus, übermäßiger Alkoholkonsum und ein hoher Stresslevel tun ein Übriges.
Unmissverständliche Antwort
Dass mehr als die Hälfte der Menschen nach wie vor an Herz-Kreislauf-Problemen bzw. Krebs stirbt, wirft die Frage auf: Investiert Österreich genug in gesundheitliche Prävention bzw. in die richtigen Maßnahmen? Die Antwort von Gerald Gartlehner, Gesundheitswissenschafter, klinischer Epidemiologe und Leiter des Departements für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Universität Krems, fällt unmissverständlich aus: „Nein. Österreich setzt nur zwei bis vier Prozent des Gesundheitsbudgets für Prävention ein. In skandinavischen Ländern sind es sieben bis acht Prozent, und sie stehen viel besser da“, erklärt Gartlehner im PharmaTime-Interview.
Auch die Art, wie die Mittel eingesetzt werden, überzeugt den Experten nicht: „Es wird einiges gemacht. Aber viele Präventionsmaßnahmen sind nicht evidenzbasiert. Vor fünf Jahren wurde die Vorsorgeuntersuchung evaluiert und vieles als sinnlos erkannt. Trotzdem finden sich auch im Katalog der ‚Vorsorge neu‘ zu umfangreiche Blutbilder, Gamma-GT-Werte, Routine-EKGs.“ Die ökonomischen Interessen zu vieler Beteiligter stünden Veränderungen entgegen.
„Brauchen mehr strategisches Denken“
Igor Grabovac vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien, Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin, sieht viele Präventionsbemühungen, aber die Organisation sei nicht gut: „Wir haben Strukturen und auch Geld, aber es braucht mehr strategisches Denken. Bund, Länder, Sozialversicherungsträger mischen bei allen Gesundheitsthemen mit. Die Politik müsste eine Präventionsstrategie für Österreich entwickeln, aber niemand fühlt sich dafür verantwortlich“, sagt Grabovac, einer der wenigen Fachärzte für Public Health in Österreich, im Gespräch mit PharmaTime. Er würde sich den Ansatz Health-in-all-policy wünschen: „Bei jedem einzelnen Gesetz müsste geprüft werden, wie es sich auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirkt.“
Prävention im Gesundheitsbereich muss nach Ansicht von Gerald Gartlehner wesentlich früher ansetzen und breiter gedacht werden. Er sieht Politik und Sozialversicherungsträger in der Verantwortung: „Derzeit screenen wir Risikoparameter, anstatt sie von vornherein zu vermeiden.“ Erfolgreiche Primärprävention würde bedeuten, schon die Entstehung von Übergewicht zu unterbinden. „Eine Zucker- oder Fettsteuer etwa würde ungesunde Lebensmittel verteuern und das Angebot an gesünderer Nahrung vergrößern“, fordert er unpopuläre Maßnahmen.
Erinnerungen & Einladungen
„Wir brauchen auch mehr Erinnerungs- und Einladungssysteme“, meint der Gesundheitswissenschafter. „Derzeit gibt es das nur für die Mammographie bei Frauen. In Kanada werden solche Programme auch für Darmkrebs und Impfungen umgesetzt.“ Igor Grabovac verweist darauf, dass auch das Mammographie-Angebot verbessert werden könnte: „Die Einladungen gibt es etwa nur in deutscher Sprache. In Kroatien wird den Frauen im selben Schreiben gleich ein fixer Untersuchungstermin geschickt. Damit ersparen sie sich die gesamte Organisation.“
Dem Präventionsparadoxon, das bei jeder erfolgreichen Maßnahme bei vielen Menschen den Eindruck erweckt, es gäbe das Problem gar nicht, würde Gartlehner eine bessere Kommunikation entgegensetzen. „Wir müssen der Bevölkerung Erfolgsgeschichten wie die der HPV-Impfung in Skandinavien genauer erklären.“ Grabovac sieht das grundsätzliche Problem von Vorsorgemaßnahmen im Faktor Zeit: „Politik denkt in Wahlperioden, die Erfolge von Prävention zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten.“ Ein schnell angeschafftes MRT-Gerät lasse sich politisch viel leichter als Erfolg verkaufen.
Verhaltensänderung als schwieriger Prozess
Es gibt unterschiedliche Berechnungen, wonach ein in Prävention investierter Euro dem Gesundheitssystem langfristig das 2- bis 2,5-Fache erspare. Gerald Gartlehner will solche Zahlen wegen der schwierigen Definitionsfragen nur mit Vorsicht genießen: „Es sagt einem aber der Hausverstand, dass eine gesündere Lebensweise zu einer gesünderen Bevölkerung führt. Echte Verhaltensänderungen zu erreichen, ist aber ein schwieriger und langwieriger Prozess. Information allein reicht da nicht aus.“ Dazu müssten sich auch die Verhältnisse ändern: „Gibt es genug Radwege, fördern wir Bewegung im breiten Sinn?“ Da sei die Politik umfassend gefordert.
Dem stimmt Public Health-Experte Grabovac zu: „Die politischen Entscheidungsträger verweisen das Thema Prävention gern auf die individuelle Ebene. Aber wir müssen das gesamte System anschauen. Erlaubt es uns überhaupt, gesund zu leben? Haben Menschen Zugang zu gesunder Nahrung? Wie viele Kinder bekommen in der Schule eine gesunde Jause? Wie viel Fast Food wird in ihrer Umgebung angeboten? Gibt es genügend Parks und sichere Straßen, auf denen wir uns bewegen können?“ Ein Problem sei auch, dass Ärzte nicht ausreichend über Prävention informieren, weil sie darin nicht ausgebildet seien, meint Grabovac.
Nachteile von Geldanreizen
Finanzielle Anreize, wie sie mit dem Eltern-Kind-Pass verbunden sind, sieht Gartlehner skeptisch. „Sie motivieren eher die Gruppe der ‚besorgten Gesunden‘, die dann noch häufiger zu Untersuchungen gehen. In der Covid-Krise waren monetäre Anreize anfangs erfolgreich, dann kippte die Stimmung. Viele hatten den Verdacht, sie bekämen Geld, weil die Impfung schädlich sei.“ Es wäre auch ethisch fragwürdig, etwa Adipositas-Erkrankte auf dem Weg über höhere Selbstbehalte zu bestrafen. Auch Grabovac sieht ein grundsätzliches Problem: „Ein System von Belohnung und Bestrafung würde Menschen unterschiedlich treffen.“ Außerdem müsste es jedes Jahr die Dosis steigern, um seine Wirkung zu erhalten.
Klares Ja zum Impfen in Apotheken
Für Apotheken sieht Gartlehner zwei wichtige Aufgaben im Präventionsbereich: „Sie sollten endlich impfen dürfen. Ein niederschwelliges Angebot, ohne Terminvereinbarung und Wartezeit würde die Durchimpfungsrate sicher erhöhen. Das Argument, Pharmazeuten seien dafür ‚nicht ausgebildet‘, ist aus meiner Sicht nur vorgeschoben. In den USA wird sogar in Supermärkten geimpft.“

Sie [Anm.: die Apotheken] sollten
Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH
endlich impfen dürfen. Ein niederschwelliges Angebot, ohne Terminvereinbarung und Wartezeit, würde die Durchimpfungsrate sicher erhöhen.
Gesundheitswissenschafter, klinischer Epidemiologe und Leiter des Departements
für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Universität Krems
Die österreichische Bundesregierung hat dazu kürzlich in Aussicht gestellt, das Impfen in Apotheken – nach langer Blockadehaltung der ÖVP und der Ärztekammer – ab 2027 ermöglichen zu wollen.
Wichtig wäre auch eine professionelle Beratung bei Polypharmazie: „Die Ärzte wissen oft gar nicht, was die Kollegenschaft schon verschrieben hat.“ Da gäbe es viele unerwünschte Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln.
Auch Grabovac befürwortet das Impfen in Apotheken. Die erforderliche Zusatzausbildung sei auch in anderen Ländern kein Problem. In Österreich haben laut Österreichischer Apothekerkammer bereits rund 3.000 Pharmazeutinnen und Pharmazeuten eine entsprechende Impf-Fortbildung auf internationalem Niveau absolviert.

Die Politik müsste eine Präventionsstrategie für Österreich entwickeln, aber niemand fühlt sich dafür verantwortlich.
Ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Igor Grabovac
Zentrum für Public Health
Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin, MedUni Wien
Pharmazeuten hätten außerdem in ihren Communities eine große Bedeutung als Multiplikatoren und als Autoritäten in Gesundheitsfragen. Sie seien deshalb prädestiniert, zu einem gesunden Lebensstil zu beraten. Verstärkte Screening-Angebote in Apotheken sieht Grabovac als weiteren Präventionsbeitrag. Gartlehner ist hingegen zurückhaltend: „Auch da müsste man evaluieren, welche Testungen überhaupt sinnvoll sind. Ein Langzeitblutzucker-Test (HbA1C) bei einem Menschen ohne Risikofaktoren etwa ist es nicht.“
Gesundheitskompetenz steigern
Von der Politik wünscht sich Gartlehner die Definition verständlicher nationaler Gesundheitsziele, „z.B. die deutliche Verringerung der Herzinfarkte bis 2030“. Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung – also die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und für sich anzuwenden – müsse von der Schule weg auf allen Ebenen gesteigert werden. Dazu bräuchte es auch eine zentrale Stelle für verlässliche Gesundheitsinformation. Grabovac stimmt dem zu: „Wir brauchen eine Art Robert-Koch-Institut für Österreich.“
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