Start Apotheke NextGen Pharmazeuten: Eigeninitiative, Idealismus & kritisches Denken 

NextGen Pharmazeuten: Eigeninitiative, Idealismus & kritisches Denken 

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Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Reformen im Gesundheitswesen verändern den Apothekerberuf. Drei Masterstudierende erzählen, was sie antreibt, welche Entwicklungen sie erwarten, wo sie in der Ausbildung Reformbedarf sehen – und warum Pharmazie für sie trotz aller Herausforderungen ein Beruf mit Zukunft ist.  

Im Wintersemester 2025/26 studierten in Österreich rund 4.500 Menschen Pharmazie, ein Viertel davon im Master. Die angehenden Pharmazeutinnen und Pharmazeuten werden den Berufsstand in Zukunft prägen und weiterentwickeln. Doch welche Ziele haben sie, welche Wünsche und Erwartungen – und welche Veränderungen erwarten sie in den nächsten zehn bis 20 Jahren für den Beruf? Darüber hat PharmaTime mit drei Master-Studierenden der Universität Wien gesprochen.

Katarina Tupanjac befindet sich im zweiten Semester ihres Masters und arbeitet seit drei Jahren als studentische Aushilfe in einer öffentlichen Apotheke. Die 23-Jährige kam zur Pharmazie, weil sie sich „schon immer“ für Naturwissenschaften interessierte und dieses Interesse durch das Studium mit einer gesellschaftlich relevanten Tätigkeit verbinden kann. „Pharmazie ermöglicht es, breites Fachwissen zum Wohl von Patientinnen und Patienten einzusetzen“, sagt sie. „Mein Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten.“

Schon zu Beginn ihres Studiums wusste Tupanjac, dass sie in einer öffentlichen Apotheke arbeiten möchte, „und mein Nebenjob hat diese Entscheidung bestätigt“. Besonders mag sie dort die Teamarbeit: „Jeder leistet seinen Teil, um eine hochwertige Versorgung mit Arzneimitteln sicherzustellen.“ Mit Blick auf ihr künftiges Berufsleben ist Tupanjac die Möglichkeit zu Fortbildung und Spezialisierung wichtig – sowie die Option, Teilzeit zu arbeiten.

Umwälzungen 

Die junge Frau sieht drei Entwicklungen, die den Apothekerberuf schon bald verändern werden: Digitalisierung, künstliche Intelligenz (KI) und die wachsende Flut an (Falsch-)Informationen im Netz. „KI kann helfen, wenn sie etwa auf Wechselwirkungen zwischen Medikamenten hinweist und so die Arzneimittelsicherheit erhöht“, erklärt sie. Im Apothekenalltag zeige sich allerdings oft die Schattenseite, wenn Kunden sich mithilfe von KI über Krankheiten und Medikamente informierten und danach verunsichert seien. „Unsere Rolle als vertrauenswürdige und verantwortungsbewusste Ansprechpartner wird daher künftig noch wichtiger“, betont Tupanjac. Dafür brauche es neben Vertrauen in die eigene Ausbildung vor allem die Bereitschaft, lebenslang zu lernen.

Katarina Tupanjac im PharmaTime-Gespräch
© Katarina Tupanjac

Unsere Rolle als vertrauenswürdige und verantwortungsbewusste Ansprechpartner wird durch KI und Digitalisierung noch wichtiger.

Katarina Tupanjac
23 Jahre, zweites Semester des Masterstudiums der Pharmazie

Auch Benjamin Karlsson sieht große Umwälzungen durch Digitalisierung, Automatisierung und KI auf Apotheken zukommen. „Neue Technologien werden Routinearbeiten reduzieren, Pharmazeuten entlasten und mehr Zeit für Beratung und andere Kernaufgaben schaffen“, sagt der Master-Student im ersten Semester. Die Apotheke werde sich zudem mittel- und langfristig als niedrigschwelliger, patientennaher Gesundheitsdienstleister etablieren und zunehmend Public-Health-Aufgaben wie beispielsweise Impfungen übernehmen.

Kritik an Ausbildung

Das Studium bereite allerdings nicht ausreichend auf diese Entwicklungen vor, kritisiert Karlsson. Weshalb viel Eigeninitiative gefragt sei. Auch wenn das Herz des 24-Jährigen sichtlich für die Pharmazie schlägt, sieht er in der aktuellen Ausbildung Verbesserungsbedarf: „Die Praxis kommt im stark wissenschaftlich ausgerichteten Studium zu kurz, obwohl die meisten Studierenden in einer öffentlichen Apotheke arbeiten werden.“ Es fehle u.a. an Einblicken in unterschiedliche Karrierewege oder an Schulungen für eine gelungene Kommunikation an der Tara. 

Bao Chau Dao im PharmaTime-Gespräch
© Bao Chau Dao

Der pharmazeutische Beruf ist patientennah und kommunikativ. Es ergibt für mich keinen Sinn, dass wir im Rahmen des Studiums keine Erfahrungen sammeln dürfen.

Bao Chau Dao
22 Jahre, erstes Semester des Masterstudiums der Pharmazie

Mit dieser Einschätzung ist Karlsson nicht allein. Auch Tupanjac bemängelt den fehlenden Praxisbezug und wünscht sich, dass apothekennahe Inhalte früher im Studium vermittelt werden. „Das Curriculum ist in Teilen sehr veraltet“, fasst Bao Chau Dao zusammen – die dritte Gesprächspartnerin von PharmaTime. „Der pharmazeutische Beruf ist patientennah und kommunikativ. Es ergibt für mich keinen Sinn, dass wir im Studium keine Erfahrungen sammeln dürfen.“ Dao schlägt Pflichtpraktika, Seminare oder Forschungsarbeiten mit klarem praktischem Nutzen vor.

Burnout vermeiden

Für Karlsson war – wie für Tupanjac – das Interesse an Naturwissenschaften ausschlaggebend für die Studienwahl, besonders jenes an Chemie und Arzneimitteln. „Pharmazie verbindet verschiedenste Wissensbereiche auf spannende Weise und bietet dabei gute berufliche Chancen“, sagt er.

Nach seinem Abschluss möchte der junge Mann in einer Krankenhausapotheke Fuß fassen, da ihn klinische Pharmazie schon während des Bachelor-Studiums faszinierte. „Die Krankenhausapotheke ist eine Schnittstelle zwischen evidenzbasierter Pharmakotherapie, klinischer Entscheidungsfindung und Versorgungsforschung. Hier kann ich etwas bewirken, auch wenn es klein ist.“

Im Beruf sind Karlsson Eigenverantwortung, eine „gesunde Fehlerkultur“ und Teamarbeit sehr wichtig. „Im klinischen Kontext ist gerade bei komplexen Fällen oder multimorbiden Patienten eine gute und interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheidend“, betont er. Flexible Arbeitszeiten hält er ebenfalls für essenziell: „Man darf sich nicht überarbeiten, um langfristig engagiert arbeiten zu können. „ 

Auch Dao legt Wert auf Ausgleich zum Berufsalltag. „Ich habe erlebt, wie zerstörerisch ein Burnout sein kann“, sagt die 22-Jährige, die ihr erstes Master-Semester in Dublin absolviert. Ihre Begeisterung für Pharmazie verdankt sie ihrer Mutter, die als Pharmazie-Dozentin in Vietnam eine „große Inspiration“ sei. Bereits in der Unterstufe des Gymnasiums hätten sie vor allem naturwissenschaftliche Fächer interessiert, sagt Dao, im Bachelor-Studium habe sie dann besonders die Chemie angesprochen. „Das hat dazu geführt, dass ich meine Bachelorarbeit in organischer Chemie geschrieben habe und auch meine Masterarbeit in diesem Bereich sein wird. Für Pharmaziestudierende ist das eher ungewöhnlich.“

Daos Weg soll denn auch in die pharmazeutische Industrie führen, genauer gesagt in die Forschung. „Ich möchte mich beruflich horizontal entwickeln können“, erklärt sie. „In der Industrie kann ich zwischen verschiedensten Bereichen wechseln, von Forschung über Produktion bis zu Qualitätssicherung. Und ich kann ins Ausland gehen, was mir sehr wichtig ist.“

„Zugang zu Fachinformationen“

Erste berufliche Erfahrungen hat Dao bereits gesammelt, durch einen Nebenjob in einer österreichischen Apotheke und durch Industrie-Praktika in Vietnam. Zudem engagiert sie sich im Akademischen Fachverein Österreichischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (AFÖP). Dort ist sie mit Studierenden, Vertretern der Industrie und Berufskollegen im Austausch und nimmt regelmäßig an Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen teil. „Leider ist der Altersdurchschnitt dort meist hoch, auch wenn es um Themen wie KI geht und sich die Veranstaltung eher an junge Menschen richtet“, beobachtet Dao. „Das liegt sowohl an ineffizienter Werbung als auch daran, dass junge Menschen im Publikum kaum in die Diskussion eingebunden werden.“

Benjamin Karlsson im PharmaTime-Gespräch
© Benjamin Karlsson

Ich wünsche mir leichteren Zugang zu aktuellen Fachinformationen, digitalen Tools und praxisrelevanten Leitlinien für Studierende. Das würde patientenorientierte, evidenzbasierte Arbeit von Anfang an fördern.

Benjamin Karlsson
24 Jahre, erstes Semester des Masterstudiums der Pharmazie

Auch Karlsson wünscht sich mehr Unterstützung durch Kollegenschaft, Standesvertretungen und Berufsverbände, etwa durch Mentoring- und Weiterbildungsinitiativen. Als Beispiel nennt er die Angebote des Verbands Angestellter Apothekerinnen und Apotheker Österreichs (VAAÖ) für Jungpharmazeuten, etwa zur Vorbereitung auf Prüfungen. „Sehr hilfreich wäre auch ein leichterer Zugang zu aktuellen Fachinformationen, digitalen Tools und praxisrelevanten Leitlinien für Studierende“, sagt er. „Das würde patientenorientierte, evidenzbasierte Arbeit von Anfang an fördern.“

„Pharmazie ist und bleibt wichtig“

Einig sind sich alle drei Studierenden, dass der Beruf der Pharmazeutin und des Pharmazeuten trotz aller Herausforderungen attraktiv bleibt. „Wir Pharmazeuten sind ein unersetzlicher Teil des öffentlichen Gesundheitssystems und unterstützen Patienten mit großem Engagement“, sagt Dao. Karlsson gibt zu bedenken, dass Menschen durch die moderne Medizin immer länger lebten, weswegen es künftig noch mehr altersbedingte Erkrankungen sowie mehr Bedarf an neuen, effizienten Therapien geben werde. „Pharmazie ist und bleibt wichtig“, fasst Tupanjac zusammen: „Ich kann mir kein spannenderes Berufsfeld vorstellen.“

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