Drei Wochen ohne Handy führten bei AHS-Schülerinnen und -Schülern in Gänserndorf zu messbar besserem psychischem Wohlbefinden – mehr als zwei Wochen Schulferien. Das Pilotprojekt wird nun ausgeweitet. Unterstützt wird es von einer neuen bundesweiten Aktion des Bildungsministeriums.
Drei Wochen ohne Smartphone können bei Jugendlichen die psychische Gesundheit stärker verbessern als zwei Wochen Ferien. Zu diesem Ergebnis kommt ein Projekt an einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) in Gänserndorf, das beim „Handy-Sucht“-Symposium an der Sigmund Freud Privat Universität Wien vorgestellt wurde. Der Psychologe Dr. Oliver Scheibenbogen vom Anton Proksch Institut spricht von einer 30-prozentigen Steigerung des Wohlbefindens und einer deutlichen Reduktion depressiver Symptome.
Auch Wochen nach Ende der Aktion hielten positive Effekte an. 25 Prozent der Teilnehmenden reduzierten die Bildschirmzeit nachhaltig. Selbst eine Kontrollgruppe ohne verpflichtenden Verzicht zeigte Verbesserungen, was auf einen „ansteckenden“ Gruppeneffekt schließen lässt.
„Handyexperiment“ wird österreichweit ausgeweitet
Das Modellprojekt aus Gänserndorf wird nun im Rahmen der Initiative www.handyexperiment.at auf ganz Österreich ausgeweitet. Die Aktion wird vom Bildungsministerium unterstützt und bindet zudem Schulen aus Nachbarländern mit ein. Ziel ist es, Jugendlichen für einen begrenzten Zeitraum einen bewussten Verzicht auf ihr Smartphone zu ermöglichen – freiwillig und reflektiert.
Die teilnehmenden Jugendlichen der AHS Gänserndorf machten die Erfahrung, dass der bewusste Verzicht auf das Handy echte Beziehungen stärkt. Außerdem wurde der Schlaf verbessert, die Selbstwahrnehmung fördert und der Blick auf den digitalen Alltag verändert.
Mindestalter für Smartphones gefordert
Beim Symposium betonten Fachleute die Risiken eines zu frühen, unkontrollierten Zugangs zu digitalen Geräten. Kinder sollten frühestens ab dem 13. Lebensjahr ein eigenes Smartphone erhalten, sagte Dr. Roland Mader, ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts.
Ständige Erreichbarkeit, permanente Push-Benachrichtigungen und der soziale Vergleich über digitale Plattformen steigern bei Jugendlichen den Stress und führen zusätzlich zu psychischen Belastungen. Plattformen wie Instagram, TikTok oder WhatsApp verstärken den Druck zur Selbstinszenierung. Dies führt unter anderem zu Schlafstörungen, aber auch zu verstärkter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und einer erhöhten Anfälligkeit für Mobbing.
Digitale Verantwortung
Eine zentrale Herausforderung ist auch der Umgang der Erwachsenen mit digitalen Medien, denn Jugendliche bemerken die Widersprüche. Auch deren Eltern seien ständig am Handy. Nur in 18 Prozent der befragten Familien gebe es klare Regeln für den Handygebrauch, so eine Studie aus der Steiermark.
Heutzutage seien rund sieben Milliarden Smartphones im Umlauf. Erwachsene verbringen durchschnittlich 4,5 Stunden täglich am Handy, mit bis zu 100 Blicken pro Tag darauf. Von den Jugendlichen seien schon 4 Prozent „Handy-süchtig“. Noch ist Handy-Sucht kein von der WHO katalogisierter Krankheitsbegriff, aber sie wird es werden.
Dr. Michael Musalek von der Privatuniversität Sigmund Freud fordert deshalb einen gemeinsamen Zugang von Kindern und Erwachsenen zum Thema Konsumverhalten, mit Regeln, Reflexion und bewusstem Umgang.
Das Projekt „Handy-Fasten“ ist ein guter Versuch, sich einmal mit dem eigenen digitalen Umgang zu befassen.
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