Start Wissenschaft Fortschritte im Umgang mit Demenz: Prävention, Früherkennung, neue Therapien

Fortschritte im Umgang mit Demenz: Prävention, Früherkennung, neue Therapien

In Österreich leben aktuell rund 170.000 Menschen mit einer Form von Demenz. Angesichts des demografischen Wandels ist mit einem starken Ansteigen dieser Zahl zu rechnen. Es gibt vielversprechende Fortschritte in der Behandlung, entscheidend ist aber die Früherkennung der Symptome. PharmaTime gibt einen Überblick über den Stand der Forschung, den Zustand der Versorgungsinfrastruktur in Österreich, die mögliche Rolle der Apotheken und die Chancen konsequenter Prävention. 

„Wenn sich alles weiter so gut entwickelt, werden wir die Ergebnisse unserer Alzheimer-Check-Studie im Frühjahr 2027 publizieren können“, sagt Dr. Helena Untersteiner von der Ambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen der MedUni Wien im Gespräch mit PharmaTime. Seit rund zwei Jahren wird an dieser Studie gearbeitet. Eine Kombination aus Blutbiomarkern und umfassend ausgestalteten Fragebögen soll es möglich machen, Demenz-Erkrankungen künftig rascher auszuschließen bzw. gefährdete Patienten schneller zu vertiefenden Untersuchungen weiterleiten zu können. Das wäre ein wesentlicher Fortschritt.

„Bisher konnten wir rund 200 Patientinnen und Patienten in unsere Studie einschließen. Das Ziel sind 250 Personen“, erklärt Untersteiner, die selbst zum Thema Demenzprävention forscht. In Zusammenschau mit den Erkenntnissen anderer internationaler Spezialkliniken seien die Zwischenergebnisse vielversprechend. Patientinnen und Patienten, die in die AKH-Ambulanz kommen, füllen die speziellen Fragebögen aus, durchlaufen ein ausführliches ärztliches Anamnese-Gespräch, eine Blutabnahme und neuropsychologische Testungen.

Wertvoller Biomarker

Vor allem der im Blut gemessene Biomarker P-Tau 217 ist ein wichtiger Parameter und liefert Hinweise auf Alzheimer-typische krankhafte Ablagerungen des Amyloid-Proteins im Gehirn. Verändern sich die Amyloid- und Tau-Proteine im Gehirn, ist vermehrt phosphoryliertes Tau 217 im Blut nachweisbar. Phosphorylierung bedeutet eine chemische Veränderung eines Proteins durch das Anheften einer Phosphatgruppe, in diesem Fall an der Aminosäureposition 217 des Tau-Proteins.

„Ein erhöhter P-Tau 217-Wert reicht für eine gesicherte Diagnose aber nicht aus. Deshalb müssen sich die Patienten in der Folge dem gesamten Diagnose-Programm unterziehen, etwa einer Lumbalpunktation“, erklärt Untersteiner. „Ist der Wert nicht erhöht und sind auch die Tests in der Ambulanz unauffällig, können wir relativ rasch Entwarnung in Sachen Alzheimer-Erkrankung geben. Den Biomarker werden wir in Zukunft auf jeden Fall gut verwenden können.“

Detaillierte Fragebögen

Neben der Analyse des Blutbiomarkers bieten die drei neu entwickelten, Tablet-basierten Fragebögen gute Einblicke in den Zustand der Betroffenen. Die Fragebögen werden sowohl von den Patienten selbst als auch von Angehörigen ausgefüllt. Der erste Bogen fragt merkbare Veränderungen der Kognition, vor allem des Gedächtnisses, im Verlauf der vergangenen fünf Jahre ab; der zweite stellt zehn Fragen zur Selbstständigkeit im Alltag bzw. zu nötigen Unterstützungsleistungen; der dritte spürt Symptomen depressiver Beschwerden nach. „Diese treten oft im Zusammenhang mit nachlassendem Gedächtnis auf bzw. können die Kognition verschlechtern, ohne dass eine neurodegenerative Erkrankung vorliegt“, erklärt Untersteiner.

Für die Therapie der frühen Alzheimer-Erkrankung stehen mit Lecanemab und Donanemab derzeit zwei Wirkstoffe zur Verfügung. Sie führen zu keiner Heilung, können das Fortschreiten der Erkrankung aber um etwa 30 Prozent verlangsamen. Die Medikamente zielen direkt auf das Protein Amyloid-Beta ab, das sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten ablagert. Als Antikörper machen sie dieses Protein für das körpereigene Immunsystem sichtbar, das es in der Folge abbaut.

„Red Flags“ für die Umgebung

Der Schlüssel zu einem guten Ansprechen auf die Therapie ist aber das frühzeitige Erkennen von Demenz-Anzeichen. Worauf sollen Angehörige, Freunde oder auch Apothekerinnen und Apotheker als häufige Erstansprechpartner achten? „Tatsächlich ist es schwierig, altersbedingte Verschlechterungen des Gedächtniszustands von pathologischen zu unterscheiden“, räumt die Spezialistin ein. „Aber es gibt Warnsignale: Alle Veränderungen, die in kurzer Zeit erfolgen oder deutlich stärker ausgeprägt sind, als es für das jeweilige Alter zu erwarten wäre,  sind ‚Red Flags‘. Wortfindungsstörungen, das Vergessen von Terminen, das Verlegen von Dingen oder wenn man nach drei Schritten nicht mehr weiß, was man eigentlich holen wollte  – all das kann einmal vorkommen, aber es darf nicht überhandnehmen.“

Solche Anzeichen ehrlich anzusprechen, ist äußerst heikel: „Man muss sehr behutsam und vorsichtig darauf hinweisen, denn Demenz ist immer noch stigmatisiert. Wichtig ist, Beobachtungen nicht vorschnell zu bewerten oder eine Diagnose in den Raum zu stellen, sondern konkrete Veränderungen anzusprechen und die betroffene Person zu ermutigen, diese ärztlich abklären zu lassen“, sagt Untersteiner.

Dr. Helena Untersteiner
© privat

„Alle Veränderungen, die in kurzer Zeit erfolgen und auffallend schlechter sind als im erwartbaren Altersschnitt, sind ‚Red Flags‘.“

Dr. Helena Untersteiner

Ambulanz für Gedächtnisstörung und
Demenzerkrankungen der MedUni Wien

Hausarzt oder niedergelassene Fachärzte als erste Adresse

Wenn die Überzeugnisarbeit gelungen ist, gibt es für sie einen klaren Handlungsablauf: „Der Hausarzt, die Hausärztin, niedergelassene Neurologen oder Psychiater sollten die erste Anlaufstelle sein. Allgemeinmediziner können erste Tests vornehmen und die Patienten im Verdachtsfall an Fachärzte zur weiteren Abklärung überweisen. Der nächste Schritt sind dann Spezialambulanzen wie die im AKH“, erklärt Untersteiner. 

Als Vertrauenspersonen können Apothekerinnen und Apotheker Betroffene rasch an die richtigen Stellen verweisen. Auch in der Aufklärung und Prävention können sie eine wichtige Rolle spielen: „Es gibt 14 anerkannte Risikofaktoren für Demenz-Erkrankungen, die modifizierbar sind und frühzeitig – am besten schon in jungen Jahren – modifiziert werden sollten“, empfiehlt die AKH-Ärztin. „Dazu gehören z.B. die Regulation von Bluthochdruck, Cholesterin, Übergewicht, aber auch mehr Sport, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, soziale und kognitive Aktivitäten bis ins Alter.“

Sehr wichtig ist auch die rechtzeitige Behandlung von Seh- und Höreinschränkungen. Wenn die sensorischen Reize nachlassen, muss das Gehirn verstärkt arbeiten, um fehlende Informationen auszugleichen. Diese dauernde Anstrengung bindet kognitive Ressourcen. Bei ausgeprägten Einschränkungen kann es hingegen zu einer Unterforderung und zu einem Abbau von Nervenzellen kommen. Die steigende Gefahr sozialer Isolation ist ein zusätzlicher Risikofaktor. 

Beitrag der Apotheken

Auch für Dr. Paulina Wosko, Senior Health-Expertin bei der Gesundheit Österreich (GÖG), können Apotheken einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung demenzieller Erkrankungen leisten. „Die Mitarbeitenden haben viel Kontakt zu älteren Menschen, die regelmäßig in die Apotheke kommen, und kennen sie oft schon lange“, erläutert die Projektleiterin der seit 2015 bestehenden österreichischen Demenzstrategie (siehe Infokasten) gegenüber PharmaTime. Dadurch könnten sie Veränderungen wahrnehmen, die Kundinnen und Kunden darauf ansprechen oder Informationsmaterial anbieten. „Da Demenz leider immer noch mit Scham behaftet ist, fällt es manchen Menschen vermutlich leichter, in der Apotheke darüber zu sprechen, als direkt eine spezialisierte Einrichtung aufzusuchen“, so Wosko.

In Deutschland beleuchtet die sogenannte DARE-Studie („Demenzfreundliche Apotheken als Ressource für die psychische Gesundheit im Alter“) seit dem Vorjahr das Potenzial von Apotheken bei der Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen bzw. von Demenz: 14 demenzfreundliche Apotheken mit speziell geschultem Personal bieten kostenlose digitale Gedächtnistests für Menschen ab 60 Jahren an und informieren bei einem auffälligen Ergebnis über weitere diagnostische Schritte. Auch in Österreich gibt es in mehreren Bundesländern demenzfreundliche Apotheken – sie sind ein Ergebnis des Projektes LEBENDiG („Leben mit Demenz in der Gemeinde“), das von 2019 bis 2021 lokale Unterstützungsnetzwerke für Menschen mit Demenz aufbaute. Wosko spricht sich dafür aus, diesen Ansatz weiter zu verfolgen und Apotheken dabei ins Boot zu holen: „Je größer das Bewusstsein und die Unterstützung für Menschen mit Demenz sind, desto besser“, sagt sie. „Immerhin ist Demenz eine der zentralen Public-Health-Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.“

Gut aufgestellt, aber „Luft nach oben“

In Österreich leben laut dem von der GÖG veröffentlichten Österreichischen Demenzbericht 2025* rund 170.000 Menschen mit einer demenziellen Erkrankung, zwei Drittel davon Frauen. „Laut Hochrechnungen von Alzheimer Europe, dem europäischen Dachverband nationaler Alzheimer- und Demenzverbände, wird diese Zahl bis 2050 auf rund 290.000 Menschen steigen“, erklärt Wosko. Weltweit werde die Zahl der Erkrankungen in den nächsten 25 Jahren von 55 auf 139 Mio. anwachsen. Das liegt zum einen an der höheren Lebenserwartung, „und zum anderen haben wir heute bessere diagnostische Möglichkeiten als früher, die von Betroffenen auch häufiger in Anspruch genommen werden – trotz der nach wie vor anhaltenden Stigmatisierung von Demenz“.

Ist Österreich auf den starken Anstieg der Demenzerkrankungen ausreichend vorbereitet? „Das ist eine schwierige Frage“, räumt Wosko ein. „Der Personalbedarf im medizinischen und pflegerischen Bereich wird angesichts der demografischen Entwicklung weiter steigen. Das stellt auch die Demenzversorgung vor Herausforderungen“, sagt die Expertin. Es sei daher wichtig, Pflegeberufe zu attraktivieren und aufzuzeigen, dass die Arbeit mit Demenzpatienten nicht nur anstrengend, sondern auch schön sein könne. „Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte allein reichen aber nicht aus“, betont Wosko. „Wir brauchen interprofessionelle Teams mit Sozialarbeitern, Fachkräften aus verschiedenen therapeutischen Bereichen und Freiwilligen. Die gesamte Gesellschaft muss mitziehen.“

Dennoch sei Österreich heute deutlich besser aufgestellt als noch vor zehn Jahren – auch wenn es weiter „Luft nach oben“ gebe. „Seit Bestehen der Demenzstrategie wurde viel in Sensibilisierung und Information investiert. In den Bundesländern sind neue Demenz-Servicestellen, Beratungsstellen, Schulungsangebote und verschiedene demenzfreundliche Kampagnen entstanden“, berichtet Wosko. Ein Beispiel ist das Demenz-Service Niederösterreich, das kostenlose Beratung für Betroffene und Angehörige anbietet – online, telefonisch, in den Servicestellen der ÖGK, persönlich oder zu Hause. Darüber hinaus gibt es in Niederösterreich Informations- und Sensibilisierungsangebote in Apotheken, Einkaufszentren oder Gemeinden. „Grundsätzlich existieren in ganz Österreich spezifische Unterstützungs- und Beratungsangebote“, so Wosko: „Alle Länder haben die Herausforderung erkannt.“

Diagnostik- und Therapieangebote

Auch die Diagnostik hat sich, wie bereits erwähnt, weiterentwickelt. „Die diagnostischen Versorgungsstrukturen unterscheiden sich aber noch immer zwischen den Bundesländern“, sagt Wosko. „Jedes Bundesland hat eigene Vorgaben und der Zugang zu spezialisierten Angeboten variiert stark. In Ballungsräumen und Großstädten gibt es mittlerweile in zahlreichen Krankenhäusern und Universitätskliniken Gedächtnisambulanzen, sogenannte Memory-Kliniken. Ländliche Regionen sind weniger gut versorgt.“

Hier könne man von den Niederlanden lernen, so Wosko: „Dort wird aktuell ein flächendeckendes Netz an Memory-Kliniken errichtet, die sehr eng mit Hausärztinnen und Hausärzten zusammenarbeiten, da diese bei der Diagnostik oft die erste Anlaufstelle sind. Auch Schottland setze Maßstäbe, indem es sich neben einer frühen Abklärung stark auf „Brain Health“ und Prävention konzentriert.

Und wie steht es um die Demenz-Therapie in Österreich, insbesondere bei nicht-medikamentösen und psychosozialen Ansätzen? „Mehr geht definitiv auch hier“, sagt Wosko. Es brauche – wie auch im Österreichischen Demenzbericht festgestellt – unter anderem zusätzliche Reha-Plätze und Angebote im Bereich der Ergotherapie und Logopädie. „Welche Therapien sinnvoll sind, hängt von der jeweiligen Demenzform ab. Klar ist aber, dass nicht-medikamentöse Angebote einen großen Mehrwert für Patientinnen und Patienten haben können.“

Dr.phil. Paulina Wosko
© Ettl

„Es braucht nicht nur mehr Unterstützungsangebote, sondern man muss auch die Gesellschaft für deren Nutzung sensibilisieren. Es bringt nichts, wenn Angebote vorhanden sind, aber aus Scham nicht genutzt werden.“

Dr.phil. Paulina Wosko

Senior Health-Expertin und Projektleiterin der österreichischen Demenzstrategie
bei der Gesundheit Österreich GmbH

Während es für An- und Zugehörige von Menschen mit einer demenziellen Erkrankung bereits zahlreiche Unterstützungsangebote gebe, gebe es noch Nachholbedarf bei entsprechenden Angeboten und Selbsthilfegruppen für Betroffene, sagt Wosko. „Dabei hilft der Austausch mit anderen Erkrankten, mit der Diagnose und im Alltag besser zurechtzukommen. Man stärkt und unterstützt sich gegenseitig, was Betroffenen sehr helfen kann.“ Die GÖG hat deshalb eine Arbeitsgruppe für Selbstvertretungen gegründet, in der Betroffene unter dem Motto „Nicht über uns ohne uns“ ihre Anliegen einbringen können.

Stigma abbauen

Mit Blick auf Früherkennungs-, Therapie- und Unterstützungsangebote ist Wosko abschließend wichtig, zu betonen: „Es braucht nicht nur die Angebote selbst, sondern man muss auch die Gesellschaft für deren Nutzung sensibilisieren. Es bringt nichts, wenn Angebote vorhanden sind, aber aus Scham nicht genutzt werden.“ Die Österreichische Demenzstrategie soll dazu beitragen, das Stigma, das demenzielle Erkrankungen immer noch umgibt, abzubauen. Das Ziel der Demenzstrategie, an dem jedes Bundesland mit Kampagnen, Initiativen und Früherkennungsprogrammen arbeitet, ist, die Teilhabe und Selbstbestimmung der Betroffenen sicherzustellen. „Es geht darum, Menschen mit einer demenziellen Erkrankung ein möglichst selbstbestimmtes, würdevolles und in die Gesellschaft integriertes Leben zu ermöglichen“, so Wosko. „Wenn das gelingt, wird auch das Stigma verschwinden.“    

Die österreichische Demenzstrategie

Die nationale österreichische Demenzstrategie „Gut leben mit Demenz“ wurde 2015 im Auftrag des Sozialministeriums initiiert. Unter Mitwirkung zahlreicher Stakeholder, darunter die Gesundheit Österreich (GÖG), alle Bundesländer, die Sozialversicherungen, verschiedene Fachgesellschaften und Betroffenenvertretungen, wurden sieben Wirkungsziele und 21 Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Übergeordnetes Ziel ist, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz und ihrer An- und Zugehörigen in ganz Österreich zu verbessern und Angebote aus dem Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich zu vernetzen.

Mehr Infos über die Demenzstrategie und deren Umsetzung erhalten Sie hier: demenzstrategie.at, Kontaktmail: demenzstrategie@goeg.at

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